Aus: Journal Arbeit, 1. Jg/Nr 1, Frühjahr 2001, Seite 37- 38


Ein Roman über das Leben
J.J. Voskuil über sein
Monumentalepos "Das Büro"

Von Gerd Busse

Seit Jahren hat in den Niederlanden kein Roman für soviel Gesprächsstoff gesorgt wie die Lebensbeichte des ehemaligen "wissenschaftlichen Beamten" J.J. Voskuil (74) über seine 30jährige berufliche Tätigkeit an einem Institut für Volkskunde in Amsterdam (siehe auch den vorstehenden Beitrag in JournalArbeit). Der erste Band des siebenteiligen Zyklus mit dem Titel Het Bureau erschien 1996; seither hat sich "Das Büro" in den Niederlanden zum Kultroman entwickelt. JournalArbeit sprach mit dem Autor über sein Buch, den Trost, den es seinen Lesern spendet, über die himmelschreienden Dinge, die er an seinem Institut gesehen und erlebt hat, sowie über Sex im Büro. Das Gespräch führte Gerd Busse.

Herr Voskuil, inzwischen sind 250.000 Exemplare Ihres Romans Het Bureau über den Ladentisch gegangen. Haben Sie eine Erklärung für diesen Riesenerfolg?

Die einzige Erklärung, die mir dafür einfällt, ist die, daß Menschen ihre eigene Arbeitssituation in Het Bureau wiedererkennen. Das hatte ich absolut nicht erwartet, zumal ich den Roman auch nicht so sehr wegen der Arbeitssituation geschrieben hatte als vielmehr wegen der menschlichen Beziehungen, die man dort antrifft. Im nachhinein stellte ich fest, daß eine ganze Menge Leser ihren Beruf in dem meinen erkennen und vor allem die menschlichen Beziehungen darin. Ich habe das von Leuten gehört, die im medizinischen Bereich arbeiten, von Theologen und sogar von Elektrikern. Es ist merkwürdig: auch wenn sie etwas ganz anderes machen, scheint ihr Beruf dennoch dem meinen zu ähneln.

Was ist das eigentliche Thema des Romans?

Im Kern geht es um folgendes: Als ich das "Bureau" einmal verlassen hatte, stellte ich fest - und das hatte ich nicht erwartet -, daß ich dort schon nach wenigen Monaten keinen Platz mehr hatte. Ich betrat es als jemand, der dort früher mal gearbeitet hatte, aber es war deutlich zu spüren, daß man mich - obwohl das Verhältnis zu den Kollegen optimal gewesen war - lieber nicht mehr sah. Kaum hatte ich einen Nachfolger, entschied sich ungefähr die Hälfte der Leute für seinen neuen Stil und sah in mir ein Problem. Das hatte ich mir nicht träumen lassen, und ich war zutiefst geschockt. Die 30 Jahre, die ich dort gearbeitet hatte, waren plötzlich verschwunden, hatten sich verflüchtigt: ich hatte nicht gelebt. Ein oder zwei Jahre später, das Problem beschäftigte mich gerade, träumte ich, daß ich begraben wurde und aus meinem Grab noch einmal nach oben sah....

Das ist auch die Schlußepisode des Romans.....

Richtig. Ich sah nach oben und erkannte die Menschen nicht, die sich von meinem Grab entfernten. Das war die Situation, wie ich sie nach meiner Pensionierung erlebte. Darüber mußte ich ein Buch schreiben: Ich mußte begreifen, warum mein Leben einen solchen Verlauf genommen hat. Dazu mußte ich mich an das erinnern, was ich verdrängt hatte. Denn man erlebt in den erzwungenen menschlichen Kontakten an seinem Arbeitsplatz Dinge, die irgendwie nicht stimmig sind, d.h. jemand tut etwas außerhalb des Rahmens, dem man ihm zugewiesen hat. Gerade diesen Dingen habe ich meine Aufmerksamkeit gewidmet, in der Hoffnung, daß ich am Ende, wenn ich die gesamten 30 Jahre durchgearbeitet hatte, bei diesem Traum landen würde. Und ich bin exakt dort gelandet!

Was ist Het Bureau? Eine Berufsautobiographie, ein Büroroman - oder was ist es?

Nein, es ist kein Büroroman, sondern es ist ein Roman über das Leben, wenn auch nur das Leben eines einzelnen Mannes. Doch meines Erachtens gilt das, was er erlebt hat, für jeden Berufstätigen: man wird alt und irgendwann ausgestoßen. Das eigene Leben wird sinnlos; man sieht sich um, und alles hat sich inzwischen verändert. Man selbst bleibt mit seiner Vergangenheit zurück, die eigentlich niemand mehr haben will. Ich habe an den Reaktionen von Lesern gemerkt, daß es viele Menschen gibt, denen es so ergeht.

Können Sie uns ein Beispiel nennen?

Ja, in dem Buch gibt es eine Passage, wo Maarten Koning, die Hauptfigur, nach seiner Pensionierung in sein "Bureau" zurückkehrt, um noch einige Arbeiten abzuschließen. Er hat gefragt, ob er dort ein kleines Zimmer behalten dürfe, und das hat man ihm zugestanden. Eines Tages ist sein Schreibtisch verschwunden; seine Papiere hat man ausgeräumt und in einer Ecke aufgestapelt. Ich habe mich gefragt, wem außer mir wohl so etwas widerfährt. Seither habe ich diese Geschichte bestimmt vier oder fünfmal von Leuten gehört, die dasselbe erlebt haben. Das ist doch erschütternd, das ist doch himmelschreiend.

Der Theologe Erik van Halsema - nebenbei Betreiber einer Website über Het Bureau - nannte Ihren Roman ein "Buch des Trostes", weil viele Menschen in einer vergleichbaren Situation stecken und Trost aus dem schöpfen, was sie dort zu lesen bekommen. Könnte das der Grund sein, weshalb der Roman auf so viele Leser einen so tiefen Eindruck gemacht hat?

Ja, das höre ich oft von Lesern. Menschen klammern sich natürlich an ihre Arbeit, und wenn dort etwas nicht so gut läuft oder wenn sie Probleme mit ihren Kollegen haben, drängen sie es weg, weil sie es nicht zulassen können. Sie meinen, daß es nur ihnen allein so geht, denn darüber wird nicht geredet. Das Buch zeigt ihnen, daß dem nicht so ist, und ich glaube, darin liegt der Trost. Das Gefühl von Einsamkeit, das man hat, das Gefühl, jeden Moment vor die Tür gesetzt werden zu können, das erhält hier seine Form, wird sichtbar. Und das bietet Trost.

Wie reagierten die ehemaligen Kollegen des Instituts auf den Roman?

Bei einigen der Kollegen überwog anfangs der Ärger. Die übrigen verhielten sich stiller, fanden es unziemlich, meinten, daß ich Intimitäten erzählt hätte. Das Merkwürdige ist, daß ich überhaupt keine Intimitäten erzählt habe. Der Roman enthält nichts, für das sich jemand schämen müßte. Es ist die Angst des Menschen, als Hordentier in der Gruppe aufzufallen, die Angst, gesehen und beschrieben zu werden. Das wird schnell als Intimität empfunden, auch wenn es überhaupt nicht um Intimitäten geht. Dem Roman wurde häufiger vorgeworfen, daß darin kein Sex vorkomme. Aber es gibt im Büro auch keinen Sex, zumindest nicht in dem, in dem ich war.

Der Eindruck, der in Ihrem Roman über die reale Vorlage des Bureaus, das P.J. Meertens-Institut in Amsterdam, vermittelt wird, hat dem Institut allerlei Probleme bereitet. So mußte der neue Direktor bereits nach kurzer Zeit wieder seinen Hut nehmen.

Es war ein sehr strenger Direktor, der Ordnung in den Laden bringen wollte. Er meinte, daß das Institut nicht genug produzierte und hatte wahrscheinlich den Auftrag erhalten, es zu sanieren und nur noch die besten Leute zu behalten. Daran hat er sich die Zähne ausgebissen, denn so etwas gelingt nie. Erstens ist die Qualität eines jeden Büros doch immer mittelmäßig, und zweitens hat man alle gegen sich, wenn man erst einmal anfängt, Leute zu entlassen. Daß es ihm nicht gelungen ist, hat er der Tatsache zugeschrieben, daß Het Bureau erschienen war und alle Welt über das Institut lachte.

Aber dennoch kommt das Meertens-Institut, wenn auch unter dem Namen "Het Bureau", nicht sonderlich gut bei Ihnen weg.

Es erscheint nur deshalb so negativ, weil die Hauptperson Maarten Koning unter einem Institutsdirektor zu arbeiten beginnt, der noch zur Vorkriegsgeneration gehört und - wie die Volkskundler in ganz Westeuropa - altmodischen Ideen über angeblich uralte Traditionen nachhängt. Das findet Maarten lächerlich, und er treibt seinen Spott damit. In den ersten Bänden des Romans werden diese Ideen beschrieben, die uns häufig ziemlich verrückt vorkommen - die "Nachgeburt des Pferdes", die "Wichtelmännchen", um nur zwei zu nennen -, und darüber müssen die Leser lachen. Der Spott über das "Bureau" ist jedoch sehr relativ, er ist nichts weiter als der Konflikt zwischen der alten und der neuen Generation.

Het Bureau ist 5000 Seiten dick und sieben Bände stark. Wie schreibt man ein solches Buch?

Ich habe jeden Tag von halb elf bis halb sechs gearbeitet, mit sehr wenigen Unterbrechungen und in einem ziemlich hohen Tempo, d.h. ungefähr drei Seiten am Tag. Für die 5.000 Seiten habe ich vier Jahre und drei Monate gebraucht.

Die Literaturkritik hat Ihnen einen "blutleeren Stil" und "Buchhalterprosa" vorgeworfen. Andere Kritiker loben in Het Bureau dagegen die "Identität von Form und Inhalt". Was denken Sie selbst darüber?

Nun, ich hätte es nicht anders schreiben können. Es geht darum, daß man sagt, was man zu sagen hat. Das muß man nicht auf eine schöne, sondern auf eine effiziente Weise tun. Und es muß so nüchtern wie möglich geschehen - gerade heraus, ohne Umschweife und Verzierungen.

Christoph Buchwald, bis vor kurzem Verlagsleiter bei Suhrkamp, sagte einmal auf die Frage nach einer deutschen Übersetzung des Romans: "Ich bezweifele, ob Voskuils Anspielungen auf die niederländische Büromentalität beim deutschen Publikum ankommen." Ist das, was Sie beschreiben, tatsächlich so typisch Niederländisch?

Ich glaube schon, daß es in einem niederländischen Büro bestimmte Gewohnheiten gibt, die man in einem anderen Land nicht kennt - denn dort herrschen wiederum andere Gewohnheiten. Vielleicht sind die etwas lockere Einstellung und die wenig hierarchischen Verhältnisse für Deutsche ungewohnt. Ich kann mir vorstellen, daß ein Nichtniederländer dabei kurz stutzt, aber wenn er seinen Blick daraufhin den Menschen in dem Roman zuwendet und sieht, wie sie funktionieren, warum sie etwas Bestimmtes tun oder sagen, ist diese Welt für ihn ohne weiteres erkennbar.

Ein Kollege von mir, der an einem großen sozialwissenschaftlichen Institut in Nimwegen arbeitet, stellt sich bereits seit dem 3. Band des Het Bureau-Zyklus die bange Frage, was um alles in der Welt er bloß lesen soll, wenn er den Roman beendet hat. Muß er wieder von vorne anfangen, oder halten Sie noch etwas Neues für ihn in petto?

Meines Erachtens sollte man, wenn man den Schluß gelesen hat, tatsächlich noch einmal von vorne anfangen. Denn dann hält man erst den Schlüssel in Händen, der nötig ist, um das Buch vom Anfang her zu begreifen. Ich habe aber noch sechs weitere Bücher mehr oder weniger fertig in der Schublade liegen, darunter zwei Romane. In dem einen geht es um einen Freund von mir, der verrückt geworden ist, der andere behandelt die Periode zwischen meiner Studentenzeit und dem "Bureau", als ich sozusagen gar nichts war, nicht wußte, was ich mit meinem Leben anfangen sollte und zögerte, erwachsen zu werden. Schließlich gibt es noch drei Bücher mit Reiseschilderungen sowie ein Buch mit Porträts und einigen losen Beiträgen.

Und nun die letzte Frage, die wir Sozialwissenschaftler stets am Ende unserer "leitfadengestützten Interviews" stellen: Gibt es noch etwas, das bisher nicht zur Sprache gekommen ist und das Sie gern noch loswerden möchten?

Ja, vielleicht noch dies: ich habe eine Abneigung gegen Bücher, bei denen sich der Autor etwas ausgedacht hat. Ich finde, daß ein Buch nur dann eine Existenzberechtigung hat, wenn sein Autor das Buch nötig hat, um ein Problem zu lösen, das er selbst in seinem eigenen Leben hat. Die Autoren, die so schreiben, sind eigentlich die einzigen, die es wert sind, gelesen zu werden - zumindest sind es die einzigen, die ich lese.

Herr Voskuil, ich danke Ihnen für das Gespräch.


Mehr Informationen unter: http://huizen.dds.nl/~jdfvh/voskuil.html

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