So wirklich wie das eigene Leben: Ein "Büro"-Roman macht in den Niederlanden Furore
Wie wirbt man für einen Roman, der in einer kleinen, exotischen Sprache geschrieben wurde, keinen "Plot" kennt und mit einem so aufregenden Thema wie dem Alltag in einem Büro aufwartet - ein Roman überdies, der mit seinem Umfang von sage und schreibe 5.200 Seiten jedem Verleger die Haare zu Berge stehen läßt? Vielleicht sollte man deshalb zunächst einige Zahlen sprechen lassen: von den ersten fünf Bänden des siebenbändigen niederländischen Romans mit dem schlichten Titel Het Bureau ("Das Büro") wurden inzwischen 200.000 Exemplare verkauft - zu einem Ladenpreis von jeweils zwischen 50 und 100 DM. Die Startauflage des vor wenigen Wochen erschienenen sechsten - und damit vorletzten - Bandes lag bei 35.000 Exemplaren und dürfte inzwischen auch bald vergriffen sein.
Der Autor des Monumentalopus, J.J. Voskuil, ist längst ein gemachter Mann, und sein Amsterdamer Verleger Wouter van Oorschot sorgt dafür, daß dies auch so bleibt. Mit einer klugen Publikationsstrategie, die höchstens zwei Bände pro Jahr vorsieht, sowie einer fast schon rituell betriebenen Geheimniskrämerei um die Fortsetzung der Geschichte hält er den Roman im Gespräch. Worum geht es also in Het Bureau?
Im Mittelpunkt des Romans steht Maarten Koning, das Alter ego seines Schöpfers Voskuil. Maarten ist "Wissenschaftlicher Beamter" an einem kleinen volkskundlichen Forschungsinstitut in Amsterdam, eben jenem "Bureau", das sich mit so obskuren Dingen wie die Verbreitung von "Wichtelmännchen-Überlieferungen", den Gebrauch des Dreschflegels oder die "mentalitätsgeschichtliche" Analyse von Nachlaßinventaren beschäftigt. Über einen Zeitraum von 30 Jahren (1957-1987) und streng aus der Perspektive der Hauptfigur wird der Alltag in diesem - übrigens real existierenden - Institut nachgezeichnet.
Einen typischen Arbeitstag im Leben Maarten Konings muß man sich etwa so vorstellen: morgens füllt er Karten für das hauseigene "Karteisystem" aus, mittags holt er Buttermilch für seine Abteilung, ißt eine Stulle, und wenn er anschließend nicht an einer der unzähligen nervtötenden Sitzungen irgendeiner "Kommission" oder "Arbeitsgruppe" teilnehmen muß, geht es "ins Feld" zu seinen "Korrespondenten", die er etwa danach befragt, was sie früher mit der Nachgeburt des Pferdes angestellt haben. Denn, so lernen wir, irgendwo quer durch das Land verläuft eine "Kulturgrenze", jenseits derer man in grauer Vorzeit aufgehört hat, das Gekröse in den Baum zu hängen und es statt dessen vergrub.
Wen wundert es, daß Maarten seiner Arbeit im "Bureau" denn auch nicht viel abgewinnen kann. Wissenschaft ist für ihn "ein einziges, von der Gesellschaft finanziertes Bordell für einen Haufen überschüssigen Intellekts", Beamtensöhnchen, "die alle zu zart gebaut sind, um eine Schippe in die Hand zu nehmen, aber von der Straße gehalten werden müssen, weil sie sonst anfangen, Schwierigkeiten zu machen".
Neue Mitarbeiter werden von ihm denn bei Dienstantritt auch gleich entsprechend eingewiesen: "Angefangen habe ich mit den Wichtelmännchen. In den Aufsätzen, die ich darüber las, verstand ich nichts - und ich verstehe noch immer nichts. [...] Und wenn ich etwas nicht verstehe, fange ich an, Karteikarten anzulegen, in der Hoffnung, daß ich es dann doch irgendwann verstehe." Wenn der Minister hereinspazierte und fragen würde, was er denn den ganzen Tag eigentlich so täte, müßte er ihm sagen: "Nichts, Exzellenz! Meine Arbeit ist vollkommen sinnlos und ohne jeden Wert."
Die Sinnlosigkeit seines Tuns ist für Maarten jedoch nur eines von zwei Handicaps - das andere ist seine Unfähigkeit zu befriedigenden sozialen Kontakten. So sehr er sich auch müht: seine Mitmenschen bleiben ihm fremd und rätselhaft. Tiefbetrübt träumt er immer wieder von der Flucht aus diesem geistigen Vakuum zwischen Eingangskörbchen und Ausgangskörbchen, und immer wieder steht ihm sein tiefverankertes Pflichtbewußtsein dabei im Wege. Denn er fühlt sich für den Laden verantwortlich, und insbesondere für "seine Leute" - einen Haufen selbstverliebter Dilettanten, intriganter Nichtskönner und notorischer Arbeitsverweigerer, die es allesamt nicht verdienen, einen Chef wie ihn zu haben, einen, der sozusagen sein Leben für sie hingibt.
Und zu Hause sieht es für Maarten auch nicht besser aus. Dort wartet ein Ehedrachen namens Nicolien auf ihn, die mit ihrem ewigen Gekrittel und Gezänk dafür sorgt, daß bei ihrem Mann gar nicht erst die Illusion entstehen kann, es könne für ihn auf dieser Welt vielleicht doch noch irgendwo ein Plätzchen an der Sonne geben.
Seit dem Erscheinen des ersten Bandes im Jahre 1996 hat Het Bureau sich in den Niederlanden zu dem Kultbuch der Jahrhundertwende entwickelt. Funk und Fernsehen überbieten sich in Dokumentationen über den Roman und Interviews mit dem Autor, und auch in den Druckmedien vergeht kaum ein Tag, an dem es nicht um die Verhältnisse im berühmtesten Büro des Königreichs geht. Begeisterte Leser widmeten ihm gar ein Buch, in dem sie ihm über ihre eigenen Bürogeschichten berichten oder, nach bestem Vermögen, doch mit viel gutem Willen, seine Geschichten und Geschichtchen fortspinnen.
Ein Theaterstück nach Motiven des Buches ist seit Monaten ausverkauft, und diverse Websites liefern Hintergrundinformationen zum Roman. Beispielsweise findet man dort ein "Who is Who in Het Bureau", in dem die Klarnamen all der Personen geoutet werden, die Maarten - bzw. Voskuil - das Leben zur Hölle machten. Sogar potentielle deutschsprachige Voskuil-Interessierte werden bedient: unter der Adresse http://huizen.dds.nl/~jdfvh/voskuil.html findet sich eine längere deutsche Kostprobe aus dem Roman. Dem Amsterdamer Voskuil-Touristen bietet die Reisebranche eine Art Kreuzweg entlang der geheiligten Stationen des Romans an - der Weg von Maartens Wohnung zu seiner langjährigen Wirkungsstätte, das Bureau, der Wochenmarkt, auf dem er in der Mittagspause die Kartoffeln für Nicolien einzukaufen pflegte -, und wem dies zu beschwerlich ist, kann sich dann immerhin noch zu einem virtuellen Spaziergang durch die Räume des Instituts entschließen (www.meertens.knaw.nl).
Als das reale Bureau, das P.J. Meertens-Institut, vor ein paar Jahren umzog, hat man - auf vielfachen Wunsch der Bevölkerung - kurz vorher einige Führungen für Voskuil-Fans veranstaltet. Es wurden Rollenspiele aufgeführt, und manche der Mitarbeiter liefen mit Namensschildern herum, auf denen ihr eigener Name und der ihres Roman-Egos stand. Den Höhepunkt bildete jedoch eine kostbare literarische Reliquie: das Plastikkörbchen, in dem die mittägliche Buttermilch geholt wurde. Der Andrang war überwältigend.
Zu behaupten, das Leserpublikum sei begeistert, wäre eine glatte Untertreibung - die Niederlande verkehren vielmehr seit Jahren in einem Zustand ungezügelter Bureaumanie. Was ist bloß so Besonderes an diesem Roman, daß er ein ganzes Volk zu - wie sie bei unseren Nachbarn heißen - "Voskuil-Junkies" macht?
Im allgemeinen wird dafür der hohe Wiedererkennungseffekt verantwortlich gemacht, den er auf seine Leser ausübt. Denn der Roman verströmt auf unnachahmliche Weise den typischen Stallgeruch einer perfekt durchorganisierten und dabei vollkommen überflüssigen Amtsstube, wie es sie wahrscheinlich überall auf der Welt gibt. Darüber hinaus aber scheint er seinen Lesern die Augen dafür zu öffnen, daß sie nicht allein dastehen mit ihrem Gefühl, eigentlich nichts als sinnlose Arbeit zu verrichten. Und damit rührt er an einer der größten Illusionen unserer Zeit, nämlich daß unser Tun irgendwie wichtig und bedeutsam sein könne. Der eigentliche Schlüssel zum Erfolg liegt aber darin, daß der Roman mit den oft urkomischen Dialogen und Situationsbeschreibungen so federleicht und beschwingt daherkommt, daß der Leser schon nach wenigen Seiten unrettbar in den breiten Sog der Erzählung gerissen wird.
In Deutschland haben mehrere Verlage Interesse an den Übersetzungsrechten für Het Bureau bekundet, doch niemand hat bisher den Mut aufbringen können, das Projekt in die Tat umzusetzen. Christoph Buchwald, Verlagsleiter bei Suhrkamp und zu Hause selbst mit einer Voskuil-süchtigen niederländischen Schwiegermutter geschlagen, brachte kürzlich in einem vielbeachteten Interview im NRC Handelsblad das Problem auf den Punkt: "Ich bezweifele, ob die Anspielungen Voskuils auf die niederländische Büromentalität beim Publikum in Deutschland ankommen. Natürlich kennen wir auch Zimmerpflanzen, das berühmte 'kopje koffie', jede Menge bürokratischer Regelungen und den Geruch von Schweiß und Linoleum, aber ich weiß nicht, ob man solcherart Literatur übersetzen muß." Die Niederländer können über solche Äußerungen nur schmunzeln. Het Bureau, so wissen sie längst, ist kein Roman über "niederländische Büromentalität", sondern über das Leben selbst.
Gerd Busse
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